Die Festspielzeit fliegt nur so dahin! Sind wir nicht eben erst bei der Prélude fleißig von Station zu Station geradelt? Waren wir nicht gestern noch im Schlosstheater zugange und haben wunderbare Konzerte im Ordenssaal genossen? Zack, sieben Wochen später – Weltstar Hilary Hahn begeistert das ausverkaufte Forum, die erste Park-Musik beim Wine After Work auf der Monrepos’schen Seeterrasse ist gespielt, und die Schlösschen Monrepos und Favorite wurden mit den ersten Preisträger*innenkonzerten der Festspielzeit eingeweiht.
Zeit ist dabei ein wirklich gutes Stichwort, um die vergangene Festspiel-Woche zu beschreiben – vom »Labyrinthe du temps« über Schildkröten bis hin zu Schnee.
Eine Hommage an die Langsamkeit
129 Blumensträuße wurden bisher bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2026 an die wunderbaren Festspiel-Künstler*innen verteilt (an dieser Stelle ein herzlicher Dank an Svenja Holzhauer von Blumen-Wohlgemuth für die schönen Sträuße, die wir diese Festspielzeit übergeben durften!). Ausgerechnet bei einer der großen Musiker*innen sollte der obligatorische Blumenstrauß jetzt zum Problem werden, denn: Star-Geigerin Hilary Hahn hat eine Blumenallergie.
Was tun in so einem Fall? Die Möglichkeiten scheinen unendlich, was die Sache erschwert, schließlich möchte man auf der Bühne nicht irgendwas übergeben. Bedeutungstragend sollte es sein, und so begaben sich Intendanz und Künstlerisches Planungsbüro auf die Suche. Die Antwort lag gar nicht fern, genau genommen vom Palais aus nur über die Straße (wie immer liegt das Gute so nah), in der hiesigen historischen Porzellanmanufaktur. Ein Stück Ludwigsburg zum Mitnehmen! Motivisch fiel die Wahl auf eine – zugegeben etwas ungewöhnliche, dafür umso symbolträchtigere – Figurine: eine Schildkröte.
Schon Äsop zielte mit seiner Fabel auf die besondere Sinnbildlichkeit der Schildkröte ab: Sie ist Ausdruck der Langlebigkeit, Zähigkeit und der Langsamkeit – aber in einem positiven Sinne! Man muss nicht im Stile der Flaneure des Fin de Siècle buchstäblich Schildkröten an der Leine spazieren führen, um sich der vergegenwärtigenden Vorteile von Geduld und Achtsamkeit zu besinnen. Beim Proben etwa ist das schrittweise Vorantasten unerlässlich, und gerade beim Konzertbesuch – zumal bei einem Konzert wie dem von Hilary Hahn, Omer Meir Wellber und Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – ist der Moment der Besinnung auf das Hier und Jetzt, die Wahrnehmung des Moments mitsamt aller seine Eindrücke eine prägende Erfahrung. Insofern könnte die Schildkröte geradezu als Maskottchen des Festspiel-Erlebnisses gelten! Dass an diesem Abend dann auch noch die Neukomposition »Labyrinthe du Temps« von Aziza Sadikovas gespielt wurde, die die Zeit, ihre Verworrenheit und Vielschichtigkeit im Titel trägt, scheint umso bezeichnender, wenn man an Michael Endes »Momo« denkt, worin nicht nur die Zeit, sondern auch die Schildkröte Kassiopeia eine ganz besondere Rolle spielt.
Vielleicht war es also ein Glücksfall, dass einmal keine Blumen verteilt werden konnten. Wir jedenfalls haben das Konzert mit allen Sinnen genossen und die Schildkröte wird Hilary Hahn hoffentlich noch eine ganze Weile an die Ludwigsburger Schlossfestspiele erinnern.
Zeit vergeht schneller, wenn man Spaß hat, und wie wir jetzt schon an den Winter denken
Durch die Zeit reisen – das stand bei Jonas Müller und Aris Alexander Blettenberg auf dem Programm. Von der Hochromantik bis an die Schwelle der ironisch gebrochenen Moderne führten die beiden selbstausgewiesenen Tausendsassa, und an Humor sollte es bei diesem Ritt nicht fehlen. Nicht nur inhaltlich strotzten die Liedtexte vor satirischem Amüsement – sie wurden von Jonas Müller auch in entsprechender Manier präsentiert! Da kann es schon mal vorkommen, dass der Bariton halb auf dem Klavier liegt, schalkhaft ins Publikum zwinkert und sich der Zwischenapplaus mit Gelächter vermischt. Für die knapp 80 Festspiel-Gäste, die sich auf diesen Spaß im Seeschloss Monrepos eingelassen haben, war das definitiv ein erinnerungswürdiger Konzertabend – der wie immer, wenn man Spaß hat, wie im Fluge vergeht.
Eine ganz ambivalente Zeitwahrnehmung ereilte dagegen diese Woche unseren Kollegen Markus Zwanziger. Mitten im Hochsommer, bei 30 Grad Außentemperatur, rückte er aus, Schnee zu besorgen – was man halt so macht im Juli. Das ist schon zur winterlichen Jahreszeit ein interessantes Unterfangen. In diesem Fall brachte es die parallelweltartige Gegenwart im laufenden Festivalbetrieb zum Ausdruck: Les Ballets de Monte-Carlo brauchten für Ihre Produktion »Ma Bayadère« Bühnenschnee, der zum Höhepunkt der Vorstellung von der Decke rieseln sollte. Gesagt getan, Schnee wurde beschafft. Und man muss sagen: Er war den Aufwand wert! Die Parallel- bzw. Traumwelt, die in »Ma Bayadère« im zweiten Akt vertanzt wurde, kam mit Nebel und Schnee richtig zur Geltung und ließ das Publikum kurz vergessen, in welcher zeitlichen Sphäre es sich wähnte.
Zeichen der Zeit
In historischen Spielstätten Konzerte zu veranstalten ist eine wunderbare Besonderheit der Schlossfestspiele. Manchmal können wir die Schönheit der Spielstätten selbst nicht begreifen und reißen mitten im Konzert die Augen weit auf ob der Schönheit, die uns umgibt. Wie der Name schon sagt, steckt den historischen Orten dabei ihre Zeitlichkeit tief im Gemäuer; und dass nach einigen hundert Jahren so manche Funktion etwas eingeschränkt ist, bleibt dabei nicht aus. Dennoch schauten wir alle etwas überrascht, als unser Intendant Lucas Reuter kurz vor Hausöffnung im Schloss Favorite mit der Türklinke der Herrentoilette in der Hand um die Ecke kam. Sie hatte leider jeglichen Bindungswillen an das Jagd- und Lustschlösschen verloren… Aber keine Sorge, die Besucher des Konzerts von Alexander von Heißen mussten nicht etwa ohne Toilette ausharren, wir konnten die Türklinke für die Dauer des Konzerts doch noch dazu bewegen, ihren angestammten Platz bis auf Weiteres nicht zu verlassen.
Eine Woche Festspiel-Zeit steht uns also noch bevor. Und damit wir das meiste aus dieser Zeit herausholen und sie nicht einfach an uns vorüber fliegt, nehmen wir uns vor, unsere innere Schildkröte zu kanalisieren. Jeden Moment genießen, aufsaugen, den Blick für Details schärfen – damit wir auch kommende Woche wieder von den besonderen Festspiel-Erlebnissen berichten können.
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