Mitten drin statt nur dabei
Eine Festspiel-Woche zwischen Nähe und Entrückung
Eine Festspiel-Woche zwischen Nähe und Entrückung
Eine der vielen wunderbaren Wirkungen von Musik ist definitiv ihre unmittelbare Gegenwärtigkeit. Bei einem Konzert für etwa zwei Stunden nicht nur räumlich, sondern auch assoziativ und emotional in eine Sphäre katapultiert zu werden, die bei aller Entrückung doch ausschließlich im Hier und Jetzt verortet werden kann, ist wirklich ein ganz besonderes Gefühl. Beinahe schon verrückt, dass man es zugleich mit mehreren hundert Menschen teilt; gemeinsam atmen, hören, erleben und doch ganz unterschiedlich empfinden.
Diese dritte Festspiel-Woche stand wohl wie keine andere für diese besondere Mischung aus Gegenwärtigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Entrückung – sowohl künstlerisch als auch mit Blick auf alle äußeren Gegebenheiten.
Gleich zum Beginn der dritten Festspiel-Woche durften wir die LGT Young Soloists zu ihrer dreitägigen Residenz hier in Ludwigsburg willkommen heißen. Drei Tage mit drei Konzerten, an denen die wunderbaren Talente aus über 20 Nationen nicht nur ihre musikalische Virtuosität unter Beweis stellten, sondern ihre Leidenschaft zugleich mit Jungmusizierenden teilten:
»Wir begannen mit einem Konzert gemeinsam mit dem Orchester des Goethe-Gymnasiums, bei dem wir die Bühne mit Musikern im Alter von etwa 15 Jahren teilten. Es war eine wirklich bereichernde Erfahrung des gegenseitigen Lernens: Während wir unsere Erfahrung weitergaben, indem wir einzelne Stimmgruppen leiteten und musikalische Anleitung gaben, inspirierten uns die jungen Musiker mit ihrer Begeisterung, ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft. Es war eine wunderbare Gelegenheit, voneinander zu lernen und unsere gemeinsame Liebe zur Musik zu feiern.«
– Andrea Fages, LGT Young Soloists
Statt sich als eigenständiges Ensemble vom Orchester des Goethe Gymnasiums getrennt zu positionieren, mischten sich die LGTs fröhlich unter die Schüler*innen. Das werden weder die Jugendlichen noch das Publikum so schnell vergessen und zeugt von dem, was das Ensemble so besonders macht: junge Solist*innen, die sich gegenseitig begleiten, die mal ganz allein den Raum füllen und dann doch wieder im Ganzen aufgehen.
Gekrönt wurde diese Residenz mit dem Konzert der LGTler im Ordenssaal. Auf dem Programm: Vasks »Klātbūtne«.
»Unser Abschlusskonzert fand im Residenzschloss statt, und wir waren alle von der Schönheit des Veranstaltungsortes überwältigt. Die Zusammenstellung des Programms erschien mir besonders bedeutungsvoll, da es ein Werk enthielt, das zuvor dort von Sol Gabetta uraufgeführt worden war – Vasks Cellokonzert – sowie ein Meisterwerk, das in derselben Zeit entstand, in der auch das Residenzschloss erbaut wurde: Vivaldis Vier Jahreszeiten. Diese Verbindung zwischen Musik, Geschichte und Ort machte das Erlebnis zu etwas ganz Besonderem.«
– Andrea Fages, LGT Young Soloists
Musik, Geschichte und Raum werden eins. Sie verschmelzen zu diesem einem Moment in der Zeit, zu diesem Konzert an diesem Ort, mit diesen Menschen und Klängen. Gegenwärtigkeit, das heißt »Klātbūtne« übersetzt. Und die Gegenwärtigkeit war wirklich mit jeder Faser spürbar. Nicht nur bei den LGT Young Soloists, sondern in jeder Vorstellung dieser Woche!
Ein leises, fast nicht zu verortendes Mitsummen von Piotr Anderszewski am Klavier. Geschlossene Augen und erfülltes Lächeln auf den Lippen unseres Publikums beim Blick durch den Ordenssaal. Eine fast schon greifbare Energie im Forum beim so kraftvollen wie emotionalen Miteinander der wunderbaren Anastasia Kobekina und dem Kammerorchester Basel. Eine so kecke wie verneigungswürdige Zugabe von Bruno de Sá und Emmanuelle de Negri nach zwei Stunden Höchstleistung im Schlosstheater.
Und das trotz der unglaublichen Hitze. Trotz durchgeschwitzter Kleidung. Wir verneigen uns vor unseren Künstler*innen, die uns auch in dieser Woche neue Sphären erschlossen und für kurze Zeit die Temperaturen haben vergessen lassen, die ihr Herz im Spiel und auf der Bühne gelassen haben, um uns und Ihnen dieses Erlebnis zu ermöglichen: »Trotz der hohen Temperaturen haben wir uns sehr über den großen Andrang gefreut und unsere ganze Energie darauf verwendet, eine unvergessliche und bewegende Aufführung auf die Beine zu stellen.« – Andrea Fages, LGT Young Soloists
Wie bei allen Dingen im Leben kann aber nichts ohne sein Gegenstück bestehen. Zur Entrückung gehört also auch immer die Rückkehr in die Realität. Dass diese nicht unbedingt mit dem Ende einer Vorstellung zusammenfällt, haben wir bei der Freitags-Vorstellung von »Aminta e Fillide« erlebt: Ein verschmortes elektronisches Bauteil riss uns nach nur 15 Minuten aus der Opernwelt, direkt hinein in eine Evakuierung des Schlosstheaters. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, hat den Bereich geprüft und zum Glück keine weitere Gefahr festgestellt, sodass wir nach rund einer Stunde den Spielbetrieb wieder aufnehmen konnten. An dieser Stelle möchten wir unseren herzlichen Dank aussprechen an alle Mitarbeiter*innen hinter der Bühne, die so schnell reagiert haben; an alle Einsatzkräfte, die für unser aller Sicherheit gesorgt haben. Und natürlich an Sie, liebes Publikum, dafür, dass die Evakuierung so reibungslos funktioniert hat und Sie alles so geduldig mitgetragen haben.
Situationen wie diese sind nur zu bewältigen, wenn alle aufeinander achten, und das haben Sie! Wir werden dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen, obschon alles gut gegangen ist. Es bleibt aber auch das bunte Bild von Musiker*innen, Sänger*innen und Publikum, die allen Vorgaben Folge leistend gemeinsam im Schlosshof auf Entwarnung warteten – und nicht zuletzt dabei das Gefühl von Gegenwärtigkeit und Gemeinschaftlichkeit erlebten.
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