Geigenbaumeister Bernward Goes
Von regionalem Holz und Traditionshandwerk
Von regionalem Holz und Traditionshandwerk
Zu keinem anderen Zeitpunkt erleben wir Musikerinnen so privat wie während ihres Spiels. Auf der Bühne kehren sie ihr Innerstes nach außen, teilen in ihren Interpretationen intime Gedanken und Gefühle mit uns – und gerade das macht ihre Auftritte so berührend. Ihr engster Partner ist in diesen Momenten das Instrument. Als direktester Resonanzkörper ihres Spiels bringt es jede Nuance unmittelbar zum Klingen. Kein Wunder also, dass viele unserer Künstler*innen eine tiefe, oft sehr emotionale Bindung zu ihrem Instrument entwickeln und es mit größter Sorgfalt auswählen. Besonders Streichinstrumente tragen dabei nicht selten eine lange Geschichte in sich – sie überdauern Generationen, wechseln die Hände und erzählen die Geschichte ihrer Vergangenheit.
So spielt Violinist Dmytro Udovychenko als Preisträger des Concours Reine Elisabeth die Stradivarius »Huggins« von 1708, benannt nach ihrem einstigen Besitzer, dem englischen Astronomen Sir William Huggins. María Dueñas spielt eine Violine von Giovanni Battista Guadagnini sowie die weltbekannte Stradivarius »Michelangelo« von 1718, während Cellistin Anastasia Kobekina auf modernen wie historischen Instrumenten, insbesondere aber auf ihrem Violoncello von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1717, musiziert.
Welche Gedanken einen Geigenbauer bei der Herstellung eines Instruments umtreiben und wie viel Zeit und Herzblut in jedem einzelnen Instrument steckt, erzählt uns Bernward Goes, Inhaber der Meisterwerkstatt in Stuttgart-Vaihingen. Das Interview führte Vanessa Melde.
Im Geigenbau gibt es je nach Region verschiedene Methoden, um beispielsweise den Korpus aufzusetzen. Nach französischer Art benutzt man dazu die sogenannte Außenform, italienische Geigenbauer*innen eine Innenform. In der deutschen Tradition wurden die Ränder auf den fertigen Boden gesetzt, sogenanntes Schachteln. Ich baue auf die italienische Art – mittlerweile die gängigste – den Korpus über die Innenform. Traditionell benutzt man für den Korpus Ahorn. Wobei es da bei mir eine Besonderheit gibt.
Ich nutze Holz aus der Region. Klassischerweise kommt das Holz für den Streichinstrumentenbau aus Bosnien, das bedeutet karger Kalkboden und Karstgebirge. Bei uns auf der Schwäbischen Alb herrschen gleiche Wuchsbedingungen. Es war ein Versuch und es hat erstaunlich gut funktioniert. Das Holz kann man zum großen Teil ganz hervorragend benutzen.
Natürlich, ich besitze es noch. Man sieht deutlich, dass es der Anfang war, aber ich bin trotzdem sehr stolz darauf. Ein unfassbares Ding! Monatelang brütet man darüber und am Ende hält man tatsächlich ein Instrument in der Hand. Auch nach den vielen Jahren ist das immer noch schön für mich. Diese Instrumente sind so komplex und jedes ist ein Einzelstück. Man kennt sein Material, sein Holz und hat vor Augen, wie man es gestalten will, und trotzdem bleibt die Mischung aus Überraschung und auch Bangen bis zur Fertigstellung.
Im Handwerklichen unterscheidet sich kaum etwas. Natürlich sind die Proportionen, die Stimmung und die Stimmlage andere. Das Cello ist größer. Eine so große breite Zarge zu biegen, die eine schöne Kurve macht, ist schwieriger als bei einer Geige. Vor allem aber ist es mehr Arbeit. Für eine Geige brauche ich ungefähr 200 Stunden. Das Cello dürfte wahrscheinlich auf das Zwei- bis Dreifache kommen. Und man benötigt mehr Holz. Allein die Oberfläche ist mindestens vier Mal so groß.
Nein, das Instrument, das alle haben wollen, gibt es nicht. Ich erlebe es eher so, dass ein Instrument von Musiker*innen weggelegt wird, bis die Person kommt, die dann sagt: »Wow, das ist genau das, wonach ich seit zehn Jahren suche.« Das ist das Wunderbare daran. Jedes Instrument ist individuell.
Ja, tatsächlich ist das sehr wichtig. Wenn ein Instrument fertig ist, spiele ich es für ein halbes Jahr. Was physikalisch tatsächlich passiert, kann ich Ihnen nicht erklären, aber ich habe den Eindruck, dass sich das Instrument im ersten halben Jahr einschwingt. Wenn ich Kund*innen eine Auswahl hinlege, wird gekauft, was aktuell gespielt wird. Das klingt immer am besten.
Dass es so herrlich anachronistisch ist. (lacht) In diesem Handwerk kann man sich viel Zeit nehmen. Natürlich muss es sich unterm Strich lohnen, aber es geht nicht um Profit und Optimierung. Was von Hand gemacht ist, bekommt einen eigenen Ausdruck und für die Kund*innen ist genau das entscheidend, denn das Instrument soll zu ihnen passen. So etwas kann man nicht im Internet bestellen. Ich bin vor Ort, höre zu und nehme Probleme ernst. Das ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber meine Kundschaft genießt das ebenso wie ich.