Interview mit Günter Baumann
über den Festspiel-Künstler Hann Trier
über den Festspiel-Künstler Hann Trier
Naja, das war natürlich ein Sprung ins kalte Wasser, weil wir bisher keine Kooperation in dieser Form hatten. Ich fand die Idee sensationell und in Zusammenarbeit mit Lucas Reuter konnten wir ein Format entwickeln, das gerade auch für uns als Galerie spannend ist. Wir haben uns gerne darauf eingelassen, wenn auch zunächst einmal ohne Erwartungen. Aber wir waren wirklich erstaunt ob der Resonanz, die die Ausstellung erfahren hat. Es waren einige tausend Besucher da, die die Ausstellung gesehen haben. Da haben wir auf jeden Fall gemerkt, dass sehr viele Impulse von der Ausstellung ausgingen und die Leute – in diesem Fall von Vera Mercer – total begeistert waren.
Das reicht schon sehr lange zurück. Das war 2015, da war ich noch gar nicht so lange in der Galerie. Wir hatten zu dieser Zeit eine Einzel-Ausstellung mit Arbeiten von Hann Trier. Ich muss gestehen, davor war er mir nur als Name vertraut, als einer der Künstler des sogenannten Informel. Mit dieser Einzelausstellung habe ich ihn aber ihn tatsächlich schätzen und bewundern gelernt und freue mich, dass es nun wieder zu einer Ausstellung kommt. Ich bin gespannt, was die Menschen davon mitnehmen.
Hann Trier zeichnet sich besonders durch seine künstlerische Haltung aus. Das Informel, in das er von seiner Bildsprache her eingebettet ist, ist keine wirkliche Stilform, sondern eine Haltung, die sich ganz bewusst nach 1945 entwickelt hat. Man muss sich die Situation einmal vergegenwärtigen: In Nazi-Deutschland wurde Kunst nur innerhalb der engen Grenzen des Schönheitsideals der Nationalsozialisten geduldet, alles andere galt als »entartet«. Auf der Suche nach einem Neuanfang, einer neuen Bildsprache, die alle Inhalte über Bord wirft, formierte sich nach dem Krieg – zunächst in Frankreich, dann in Deutschland – eine Kunstströmung, die zeigte: In Deutschland passiert etwas ganz Eigenes!
Karl Otto Götz, Fred Thieler, Emil Schumacher, Hann Trier – diese erste Generation der informellen Künstler in Deutschland konnte ihr ganz eigenen Akzente setzen. Sie gehen alle von der Gestik aus, gerade auch mit dem Ansatz, den Verstand auszusetzen, auf Formen und Inhalte zu verzichten und nur noch dem Gestus Raum zu geben. Dabei drängt sich die Frage auf: Kann man eigentlich den Verstand komplett aussetzen und völlig frei der Gestik folgen? Hann Trier, der eine Gabe hatte, nämlich dass er mit links und rechts schreiben und malen konnte, entdeckte genau das als besondere Form für seine Malweise. Er hat also tatsächlich mit beiden Händen gemalt und darin eine individuelle Form des speziellen Gestaltens gefunden, hinter der die Überlegung steht: Kann man eigentlich mit beiden Händen synchron malen?
Neben der Beidhändigkeit waren es besonders Musik und Tanz, die Triers Schaffen wesentlich prägten. Er selbst sagte über sich, er tanzt mit dem Pinsel. Dieser Bezug zum (eigenen) Körper ist bereits in seiner Doppelhändigkeit angelegt und spiegelt sich auch in seinen Formatgrößen wider – mit Ausnahme der großen Deckengemälde. In den frühen 1950er Jahren ist Trier nach Kolumbien immigriert. Die romanische Welt, die er dort vorfand und besonders auch der lateinamerikanische Tanz haben ihn zu seinem Malrhythmus inspiriert. Später wurde er auch vom amerikanischen Jazz beeinflusst. Er hat ganz unterschiedliche Musik- und Tanzvorlagen gehabt und dabei seine eigene malerische Antwort auf diese tänzerischen, musikalischen Formen gefunden.
Was mich an Hann Trier begeistert, ist gerade diese unglaubliche Leichtigkeit, dieses Schweben, dieser Umgang mit dem Pinsel, der daraus resultiert. Er löst sich von aller Brachialität, hebt sozusagen ab, schafft in einem malerischen Rausch Realitäten und verweilt in dieser Leichtigkeit. Gerade Triers frühere Arbeiten, die noch nach diesem Rhythmus suchen, sind unheimlich spannend.
Wenn wir in unseren Galerien arbeiten, wie z.B. im Schloss Dätzingen, haben wir meist eine weite Raumflucht, sodass wir einzelne Räume bespielen und uns thematisch oder chronologisch einem Thema oder einem speziellen Werk widmen können. Gerade auch durch Zwischenwände und Durchblicke sind so Dialoge möglich. In der alten Porzellanmanufaktur in Ludwigsburg haben wir einen einzelnen Raum mit Platz für etwa ein Dutzend Arbeiten, dort sind diese Durchblicke und die überraschenden Momente nicht so leicht auszumachen. In diesem Fall kommt ein anderer Aspekt für die Inszenierung zum Tragen, nämlich die Frage: Wie sind wir auf die Arbeiten oder die Künstler*innen gekommen? Die Antwort ist sozusagen ein erster Anhaltspunkt, wie man vorgeht.
Im Fall von Vera Mercer war es der unmittelbare Kontakt zur Künstlerin. Das ist natürlich die Idealform, denn mit dem Gesamtwerk vor Augen kann man manche Dinge ausschließen, die das Themenfeld zu weit ausgedehnt hätten. Im Fall von Hann Trier ist es die enge Zusammenarbeit mit dem Nachlass, denn Hann Trier selbst lebt ja nicht mehr. Und da gibt es verschiedene Vorstellungen, auch seitens des Nachlasses. Diesen Impulsen folgen wir natürlich gern, aber dennoch wünscht man sich ab und an Dinge, die auch blockiert sein können, z.B. wenn Werke bereits verkauft sind. Genau das macht es extrem spannend; keine Ausstellung ist wie die andere. Gerade Hann Trier wird sicherlich eine spannende Erfahrung. Wir können nicht so richtig einschätzen, wie die Menschen, die zu einem Konzert gehen, diese Arbeiten erleben. Sie sind ja sehr musikalisch geprägt, aber das drängt sich nicht sofort auf, man muss zunächst in das Werk eintauchen. Ich hoffe, dass Besucher*innen ihre eigene Wahrnehmung schulen können.
Es ist tatsächlich mal wieder an der Zeit Hann Trier in das Bewusstsein zu bringen. Er ist ein fulminanter, begnadeter Maler, der ein langes Lebenswerk hatte; 1915 geboren, 1999 gestorben – er hat also beinahe das ganze 20. Jahrhundert erfasst. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir in Zeiten leben, in denen Weltordnungen zertrümmert und Kriege zur Egobefriedigung geführt werden. Es ist ein Klima, in dem man Beständigkeit, Haltung und vermittelte Werte vermisst. Und genau da kommen die Künste ins Spiel. Ob Musik, Literatur oder Bildende Kunst – all diese Ausdrucksformen vermögen etwas zu erschaffen, das mir vermittelt: Hier kann ich mich reinversetzen, hier kann ich einen hermetischen Raum betreten, in dem eine schöne Welt herrscht, ohne dass die reale Welt geleugnet wird. Darum geht es der Kunst – der guten Kunst – letztendlich nicht. Wir leben in brisanten, in bedrohlichen Zeiten und besonders jetzt ist es extrem wichtig, sich mit Dingen zu beschäftigen, die uns etwas zurückgeben, um der Welt gestärkt entgegenzutreten. So eine Ausstellung kann nicht oft genug, und wo immer auch möglich, Gutes bewirken.
An dieser Stelle passt ein bezeichnendes Zitat von Hann Trier: »Folge dem Unbekannten in der Kunst. Doch innerhalb der Grenze der Kunst. Wer in ein schon erforschtes Land reist, ist kein Entdecker, sondern Tourist. Der Künstler ist Seismograf.« Das ist auch ein schönes Schlusswort: Ein Künstler kann Dinge erfassen, die, vielleicht auch erst nach dem Ableben, irgendwo gespürt werden. Das finde ich spannend und schließt auch alle Künste mit ein. Das macht das Leben lebenswert!