Ludwigs
Burg
Festival

Eine Sinfonie geht um

Die Europahymne als Spiegel der Gesellschaft

Von Musiker*innen vergöttert, in Diktaturen und Weltkriegen missbraucht, als Europahymne neu adaptiert – Beethovens 9. Sinfonie hält uns als Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt die Dimensionen menschlichen Verhaltens. Zum Europatag wollen wir das Werk und seine politisierte Aufführungsgeschichte genauer beleuchten.

Kaum ein musikalisches Werk hat die europäische Geschichte so geprägt wie Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie. Für Dirigent Kirill Petrenko steckt in dieser Musik »alles, was im menschlichen Wesen an Großartigem wie an Bedrohlichem wohnt«. Die Zeit belegt das: In den letzten Jahrhunderten ist Beethovens Musik zu einem Magnet für politische Zwecke geworden. Richard Wagner stürmte 1849 mit Beethovens Neunter die Dresdner Barrikaden, im Ersten Weltkrieg wurde das Werk zur kämpferischen Heldenmusik hochstilisiert. Auch die Nazis instrumentalisierten die Sinfonie für ihre Ideologie als deutsche »Titanenmusik«. Ein kurzer Berliner Videomitschnitt des Konzertes am Vortag von Hitlers Geburtstag aus dem Jahr 1942 ist heute noch erhalten. Am Pult stand damals der Dirigent Wilhelm Furtwängler. Tatsächlich war dieser keineswegs Befürworter der nationalsozialistischen Ideologie; dass er sich als Werkzeug der Kulturpropaganda von Goebbels missbrauchen ließ, kann man ihm dennoch vorwerfen. Ebenjener Furtwängler war es kurioserweise auch, der 1951 mit Beethovens Neunter die Bayreuther Festspiele vom Ballast der NS-Zeit befreite.


Zwischen DDR-Regime und Freiheitskampf

Doch auch mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die politische Vereinnahmung von Beethoven noch lange nicht beendet. Stalin empfand die Neunte als »richtige Musik für die Massen«, in der DDR sah man Beethoven als Vorreiter für die sozialistische Idee. Wie schon in der NS-Zeit wurde die musikalische Verkündung der Freiheitsideale Friedrich Schillers als Legitimation für ein Terrorregime ausgelegt.

Die Neunte erklang aber ebenso im Widerstandskampf gegen Diktaturen. In Chile sangen Frauen die »Ode an die Freude«, um sich für die Freilassung von politischen Gefangenen im Pinochet-Regime einzusetzen. Leonard Bernstein dirigierte das Werk zum Mauerfall 1989 mit neuem Text: »Freiheit« statt »Freude« wurde nun angestimmt – ein weiteres Mal hatte sich die Sinfonie im Kontext einer neuen gesellschaftspolitischen Situation gewandelt.


Zur offiziellen Hymne der Europäischen Union wurde die Neunte im Jahr 1985. Für das Arrangement des monumentalen Schlusssatzes auf eine hymnenfreundliche Länge von zwei Minuten hatte man zuvor den weltberühmten Dirigenten Herbert von Karajan beauftragt. Der Ruhm des »Generalmusikdirektors Europas« schien dieses Engagement zu rechtfertigen. Allerdings hatte auch Karajan eine problematische NS-Vergangenheit: Als erfolgsorientierter junger Dirigent und Mitglied der NSDAP startete er im Dritten Reich seine Karriere. In seinen damaligen Aufnahmen kann man hören, dass er hierbei wenig Bedenken hatte, beispielsweise dem nationalsozialistischen Bruckner-Bild folgsam zu entsprechen. Dennoch leistete Karajan mit seinem Arrangement einen wichtigen Beitrag dazu, dass Beethovens Musik als Hymne von Europa wieder die Werte verkörpert, die Schiller und Beethoven zu ihrer Zeit in die Welt tragen wollten.


»Nicht diese Töne«

Wie kaum ein anderes Werk zuvor lebt Beethovens 9. Sinfonie von der alles entscheidenden Finalidee. Dem dissonanten Chaos zu Beginn des Schlusssatzes antwortet – revolutionär für die sinfonische Gattung – die menschliche Stimme: »O Freunde, nicht diese Töne!« Das Paradies findet sich nicht in der brachialen Zerstörung, sondern im friedlichen Miteinander. In seinem Finalsatz verkündet Beethoven eine existenzielle Menschheitsvision.

Lässt sich so etwas überhaupt im singulären »Freude«-Thema repräsentativ darstellen? Die Rauschwirkung des mächtigen Chores, der »Freude schöner Götterfunken« einläutet, gelingt primär durch das Vorangegangene: ein wildes Fugato, gefolgt von einem Ruhemoment in harmonischem Schwebezustand. Noch weiß man nicht, wo die Reise hingeht. Versöhnliches Dur? Tristes Moll? Es ist eine regelrechte Befreiung, wenn schließlich die erlösende Haupttonart D-Dur erreicht wird.


Eingängiger Megahit

Das »Freude«-Thema wurde im Laufe der Zeit allerdings kaum mehr in dieser komplexen Gesamtheit erfasst. Hat es Beethoven sogar darauf abgesehen? In Zeiten, in denen es noch kein Radio, noch keine Aufnahmen gab, komponierte er einen ersten Megahit. Mit einer einfachen und eingängigen Melodie, die etliche Male wiederholt wird, ging es ihm offensichtlich darum, seine Botschaft allen zugänglich zu machen. Auch dem Publikum mit weniger musikalischer Expertise. Dennoch fordert uns Beethovens Kernaussage – »alle Menschen werden Brüder (und Schwestern)« – zum eigenen Handeln auf. Beethovens Melodie ist nicht deshalb simpel, damit man sie leicht nachsingen kann. Sie ist simpel, damit eine sehr komplexe Utopie, die Vision einer vereinten Welt, um jeden Preis verinnerlicht wird.


Spiegel der Gesellschaft

Die 9. Sinfonie ist nicht nur ein großes Kulturgut, das uns musikalisch beeindruckt. Sie spricht uns direkt an und motiviert uns für die Werte Freiheit, Frieden und Solidarität aktiv einzutreten. Wenn wir ihre Aufführungsgeschichte betrachten, können wir individuelles wie kollektives Fehlverhalten der Menschen erkennen und lernen, wie man es besser macht. Die Musik hält uns als Gesellschaft einen Spiegel vor. Was wir darin sehen wollen, haben wir selbst in der Hand.